In der Spiritualität sprechen wir oft über den freien Willen. Darüber, dass jede Seele ihren eigenen Weg geht. Dass wir andere weder kontrollieren noch an ihrer Stelle entscheiden können.
Doch wenn uns das selbst betrifft, wird es plötzlich sehr schwer, diese Wahrheit anzunehmen.
Denn es ist etwas völlig anderes zu sagen: „Jeder hat das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen“, als es zu leben, wenn der Weg des eigenen Kindes von uns wegführt.
Wenn wir sagen, dass Liebe bedingungslos ist, dann gilt das auch für die Freiheit des anderen. Nicht nur dann, wenn er so handelt, wie es uns guttut.
Für Eltern gibt es wohl kaum einen größeren Schmerz, als wenn sich das eigene Kind von ihnen abwendet. Diesen Schmerz kann und darf man nicht kleinreden. Man kann mit ihm mitfühlen, ohne sofort nach einem Schuldigen zu suchen.
Es gibt auch die Sichtweise, dass ein Kind seinen Eltern etwas schuldet. Dass es verpflichtet sei, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Dass es kein Recht habe zu gehen. Oder dass das Leben es eines Tages „bestrafen“ werde.
Doch dann geht es nicht mehr um das Kind.
Weißt du, worüber ich nachgedacht habe?
Wenn ich wirklich an den freien Willen glaube, dann respektiere ich ihn nicht nur, solange mein Kind so entscheidet, wie es für mich richtig ist. Sondern auch dann, wenn seine Entscheidung mir das Herz bricht.
Und genau das ist unglaublich schwer.
Denn eine der schmerzhaftesten Formen der Liebe ist jene, in der ich den Menschen, den ich liebe, nicht festhalten kann.
Für mich bedeutet bedingungslose Liebe nicht, dass ich mit allem einverstanden bin. Sie bedeutet auch nicht, dass es nicht wehtut.
Sie bedeutet, dem anderen das Recht auf sein eigenes Leben nicht zu nehmen – selbst dann nicht, wenn ich mich völlig anders entscheiden würde.
Deshalb bin ich vorsichtig mit jeder Aussage, die die Sichtweise einer bestimmten spirituellen oder therapeutischen Richtung als allgemeingültige Wahrheit darstellt.
Was ist, wenn das Kind gegangen ist, um seelisch zu überleben? Und was ist, wenn die Eltern wirklich nicht verstehen, was geschehen ist, und niemals verletzen wollten?
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht müssen wir nicht immer entscheiden, wer recht hat. Manchmal stehen sich zwei Menschen gegenüber, die dieselbe Geschichte völlig unterschiedlich erlebt haben.
Es geht nicht darum, Regeln darüber aufzustellen, wer wem etwas schuldet. Sondern darum, selbst im tiefsten Schmerz den anderen nicht besitzen zu wollen.
Im Spiegel achtsamer Aufmerksamkeit erkennen wir alles, was uns gefangen hält und voneinander entfernt – und dürfen es Schritt für Schritt loslassen.
In unendlicher Liebe:
Dajbukát Ildikó
spiritenergy.hu
Foto: Pinterest